Sternabert

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Montag, 27. November 2017

Ein Blick auf den Saatgans Komplex...

In diesem Post möchte ich versuchen, einen Überblick über die Situation bei der Einteilung der Saatgänse zusammen mit der Kurzschnabelgans zu erstellen und darauf basierend die Verhältnisse im Havelland zu erörtern. Das Thema an sich wird schon seit über hundert Jahren bis hinein in die Gegenwart und nicht selten auch recht kontrovers diskutiert. Frühere Autoren orientierten sich bei der taxonomischen Einteilung der Saatgänse ausschließlich an morphologischen, sprich äußerlich erkenn- und beschreibbaren Merkmalen.
So unterschied Naumann 1848 3 verschiedene Arten: Anser arvensis, A. segetum und A. brachyrhynchus. Johansen legte sich gegen 1945 auf eine Art - Anser fabalis - in 8 Unterarten - A .f. fabalis, middendorffii, sibiricus, rossicus, serrirostris, mentalis, neglectus und brachyrhynchus fest. Delacour relativierte die Angelegenheit 1951 wieder auf eine Art - fabalis - in 6 Unterarten - fabalis, johanseni, middendorffii, rossicus, serrirostris, brachyrhynchus. Johansen spaltete gegen 1959 die Kurzschnabelgans - Anser brachyrhynchus - als eigene Art ab und unterschied jetzt die Saatgans - A. fabalis - in 5 Unterarten - fabalis,  johanseni, middendorffii, rossicus, serrirostris. Vaurie griff 1965 erneut das von Delacour 1951 erstellte System auf, bevor Bauer & Glutz von Blotzheim - 1968 - sowie Cramp & Simmons - 1977 - wieder Johansen letztes Konzept propagierten.
Im Zuge der Entwicklung der wissenschaftlichen Methoden im 20. Jh. setzte sich nach und nach der populationsgenetische Artbegriff durch, der auf genetischen Verwandschaftsverhältnissen beruht und aufzeigte, dass sich morphologische Unterschiede oft nur als Variation innerhalb einer Art oder Unterart zeigen. Sangster & Oreel beschrieben 1996 3 eigene Arten, nämlich Anser fabalis, A. serrirostris und A. brachyrhynchus. Ruokonen brachte es im Jahre 2008 auf 3 Arten - Anser fabalis - in 3 Unterarten - A. f. fabalis, A. f. rossicus, A. f. serrirostris - Anser middendorffii und Anser brachyrhynchus.
Die fogende systematische Einteilung beruht auf dem Vergleich von mitochondrialer DNS von 199 in ihren Brutgebieten gesammelten Gänseindividuen und entspricht gewissermaßen dem "Stammbaum" der grauen Feldgänse - extra hervorgehoben die Unterteilung des Saatgans-Komplexes.
beschriftetes Schema nach M. Ruokonen, K. Litvin und T. Aarvak 2008
Hierbei ist anzumerken, dass die genetische Distanz bei den Gänsearten, verglichen mit anderen Vogelgruppen, relativ gering ist, so dass man davon ausgehen muss, dass es sich um eine phylogenetisch relativ junge Vogelgruppe handelt. Aufgrund dieser geringen genetischen Distanz kommt es nicht selten auch zu Hybriden zwischen verschiedenen Gänsearten.
Ich persönlich finde die Einteilung von Ruokonen et al. recht einleuchtend und orientiere mich im Feld an einem Konglomerat von Erkenntnissen verschiedener Gänseforscher, die Ruokonens Modell ihrer Arbeit zugrundelegen.
Karte nach M. Ruokonen, K. Litvin und T. Aarvak 2008
Auf der Karte sind grob die Brutgebiete der verschiedenen Arten, bzw. Unterarten des Saatganskomplexes eingezeichnet. Möglicherweise mit Klinen an den jeweiligen Arealsgrenzen. Saatgänse werden ab ihrem 2. Lebensjahr geschlechtsreif. Da die Paarbildug der Gänse in der Regel im Winterquartier stattfindet und die Jungtiere im Familienverband in die traditionell angestammten Überwinterungsgebiete der Eltern mitfliegen, scheinen Durchmischungen der verschiedenen Arten bzw. Unterarten aufgrund der unterschiedlichen Überwinterungsgegenden und der Separation von Tundra- und Wald-Saatgänsen in selbigen, eher die Ausnahme. Im Folgenden habe ich versucht, stichpunktartig die Zugstrategien der einzelnen Taxa aus der Karte darzulegen:

1 brachyrhynchus (Kurzschnabelgans):
Überwintert in Nordwesteuropa, hauptsächlich in Großbritannien, Dänemark, Niederlande, Belgien und Nordwestdeutschland, wobei der in Deutschland überwinternde Teil der Spitzbergen-Population zuzurechnen zu sein dürfte. Grönländer und Isländer überwintern auf den Britischen Inseln. Wahrscheinlich entstammen die Vögel, die schon frühestens Ende September im Havelland auftauchen, der östlichen Teilpopulation Spitzbergens und fliegen alternativ zum eigentlichen Zugkorridor über Norwegen, Dänemark und die Deutsche Bucht, über das skandinavische Binnenland über Schweden oder noch weiter östlich, wo sie sich zumeist Tundrasaatgänsen anschließen, in ihre Winterquartiere - eine andere Theorie vermutet, dass diese Gänse einer "unbekannten" bzw. "unentdeckten" russischen Population entstammen.

2 rossicus (Westliche Tundra-Saatgans):

Überwintert in Nordwesteuropa und Mitteleuropa bis Südeuropa, überwiegend in den Niederlanden und Deutschland mit Tendenz zur Ostverlagerung – Ostdeutschland, Polen.
Da die westlichen Tundra-Saatgänse, aufgrund der klimatischen Bedingungen, vergleichsweise früh in ihren Brutgebieten ankommen und diese relativ spät wieder verlassen, ist im Havelland ab Mitte Oktober bis hinein in den Februar mit größeren Rast-, bzw. Überwinterungs-Beständen zu rechnen - rossicus-Gänse stellen den mit Abstand überwiegenden Teil der im Havelland zu beobachtenden Saatgänse.

3 serrirostris (Östliche Tundra-Saatgans):

Überwintert hauptsächlich in Ostasien (China, Japan, Korea) und Südostasien.
Nach neueren Erkenntnissen niederländischer Gänseforscher ziehen in der kalten Jahreszeit jedoch auch bis zu 10 % der Gesamtpopulation, insbesondere die Individuen aus der westlichen Verbreitungszone in die Niederlande (van den Bergh 2004) und müssten somit auch in Brandenburg zu beobachten sein. Das von van den Bergh skizzierte Bild zeichnete sich bis dato im Havelland noch nicht ab, ggf. wurde serrirostris in den letzten Jahren aber auch einfach nur übersehen. Östliche Tundra-Saatgänse erreichen ihre Brutareale erst spät und räumen selbige schon recht früh, so dass sie vornehmlich im März, bzw. Ende September/Anfang Oktober im Havelland durchziehen dürften. Sollten serrirostris Gänse zusammen mit rossicus im geleichen Gebiet überwintern, müsste es hier u.U. zu Mischverpaarungen kommen - die Nachkommen aus diesen Verbindungen im Feld sicher als solche zu bestimmen, dürfte allerdings nahezu unmöglich sein.

4 fabalis (Westliche Wald-Saatgans):

Wird in 4 Teilpopulationen, die westliche, die zentrale und 2 östliche, unterteilt. Überwintert in Nordeuropa (Schweden, Dänemark, Norddeutschland und Polen). Ein Teil der am weitesten östlich brütenden Teilpopulation fliegt nach Zentralasien (Kasachstan, Kirgistan, Nord-West-China). In Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg überwintern bis zu 80% der Vögel aus einer der beiden russischen Teilpopulationen, deren Brutgebiete in der oberen Petčora-Region und im westsibirischen Flachland zu finden sind. Allerdings tauchen allwinterlich auch regelmäßig einzelne Vögel/Familien aus der zentralen, skandinavischen Brutpopulation bei uns auf - wie Halsringablesungen belegen.

5 middendorffii (Östliche Wald-Saatgans):

Überwintert in Ostasien (China, Japan, Korea) und Südostasien. Gänse aus westlichen Teilen des Brutgebietes fliegen wohl auch nach Zentralasien (Süd-Ost Kasachstan, Ost-Kirgistan und Nord-West-China), wo sie ggf. auf östliche fabalis treffen und sich dort u.U. auch mit diesen verpaaren. Das früher beschriebene Taxon johanseni ist auch heute noch stark umstritten, wird von einigen Autoren grundsätzlich fabalis zugerechnet, könnte aber auf die Beschreibung eben solcher Hybriden zurückzuführen sein.
Belegte Nachweise der Östlichen Waldsaatgans in Brandenburg stehen noch aus.

Die Situation bezüglich der Arten, bzw. Unterarten im Havelland gestaltet sich also eher übersichtlich. Mit den ersten Tundrasaatgänsen ist um den 10. September herum zu rechnen, dann in kleineren Gruppen. Phänotypisch entsprechen diese Vögel nach meinem Dafürhalten der ssp. rossicus. Einen Monat später, etwa um den 10. Oktober herum, wird der "Peak" erreicht. Zu diesem Zeitpunkt kann man abends am Gülper See ein packendes Naturschauspiel erleben, wenn bis zu 110000 nordische Feldgänse (Saat- und Blessgänse), hoch von Ost, zur nächtlichen Rast auf dem als Vorsammelplatz bekannten Gewässer einfallen. In den nächsten Wochen wird der See gewissermaßen als "Durchgangsbahnhof" für die in den weiter westlich und südlich gelegenen Regionen überwinternden Gänse fungieren - dann sukzessive in abnehmender Zahl. Einige der Tiere verweilen hier und sind tagsüber in der Umgebung auf abgeernteten Äckern und Grünland bei der Nahrungssuche zu beobachten. Andere ziehen umgehend weiter in die Niederlande und die Rheinebene. Ab jetzt sind auch immer wieder, jedoch nur sehr verinzelt, fabalis-Waldsaatgänse dabei - wegen ihrer imposanten, dabei aber filigranen Erscheinung und auch sonst, meine persönlichen Favoriten. Die beste Zeit um diese Vögel aus den havelländischen Rasttrupps von Tundrasaatgänsen heraus zu picken ist allerdings der Mittwinter und sie finden sich hier in den letzten Jahren nur noch in geringer Zahl ein. Um größere fabalis-Verbände zu sehen, sollte man besser ins Oderbruch oder nach Mecklenburg Vorpommern aufbrechen. Kurzschnabelgänse treten ab Ende September regelmäßig, jedoch ebenfalls nur in geringer Zahl in der Havelniederung auf. Ab November sind die meisten Gänse durchgezogen und nur noch zu einigen tausend Exemplaren in hiesigen Gefilden present. Gute Beobachtungsmöglichkeiten bieten sich jetzt im Gebiet um den Gülper See und vor allem in der Mittleren Havelniederung um Roskow, Zachow, Gutenpaaren und Wachow. Leider werden die Gänse immer häufiger von den ortsansässigen Landwirten vergrämt. Ab dem 01. November sind sie zudem zur Jagd freigegeben, was umgehend zu einer merklich zunehmenden Unruhe unter den Tieren und folglich zu erhöhter Fluchtdistanz führt. Mit einiger Umsicht und guter Fernoptik sind sie zumeist jedoch dennoch relativ gut zu beobachten. Retoure geht´s im Februar und Mitte, Ende März wird das Havelland dann endgültig geräumt. Jetzt trifft man nur noch auf Einzeltiere oder kleine, versprengte Trupps die in der Mehrzahl aus vorjährigen Vögeln bestehen.

Im Folgenden ein paar Eindrücke von "Gesichtern" aus dem Havelland...
Tundrasaatgans (rossicus) links, Waldsaatgans (fabalis) rechts - Februar
Tundrasaatgans (rossicus) links, Waldsaatgans (fabalis) rechts - Februar
Tundrasaatgans (serrirostris-typ?) vorn, Kurzschnabelgans (brachyrhynchus) hinten - März
Tundrasaatgans (serrirostris-typ?) - März
Waldsaatgans (fabalis) - Dezember
Tundrasaatgans (rossicus) - Februar
Waldsaatgänse (fabalis) - Dezember
Tundrasaatgans (rossicus) links, Zwerggans (erythropus) rechts - März
Kurzschnabelgans (brachyrhynchus) links, Tundrasaatgans (rossicus) rechts - März
Tundrasaatgänse (rossicus) und vermeintlicher Hybrid (rossicus x albifrons) - Februar
Waldsaatgänse (fabalis) - Oktober
Tundrasaatgans (serrirostris-typ) - März
Tundrasaatgänse (serrirostris-typ) - März
Tundrasaatgänse (rossicus), Kurzschnabelgans (brachyrhynchus) mittig - März
Und jetzt viel Spaß beim Goosing!

Donnerstag, 22. September 2016

Ural-Trip, Juni 2016 (dritter Teil)...

Auf zur dritten Runde! Diesmal hatten wir Sack und Pack pünktlich zum vereinbarten Abholtermin verschnürt und konnten somit zeitnah, nach Viktors Eintreffen, den Spot am Sosvinskiy Kamen verlassen. Eigentlich sollte uns unser russischer Kraftfahrer nun rund um die Uhr zur Verfügung stehen - nur hatte er abends noch einen anderen Termin, sodass wir für die folgende Nacht wieder irgendwo in der Pampa ausgesetzt wurden. Vorerst ging es jedoch erneut die Sandpiste entlang, mit einem ca. 2 stündigen Stop für einen Taiga-Spaziergang, auf dem wir einen Elch bei seiner Ruhe störten, der zu unserem Glück ohne Kalb ein paar Schritte voraus im Unterholz gedöst hatte. Wir fanden alte Kratzspuren eines revieranzeigenden Bären und ein Waldschnepfengelege.
Rundherum wieder urwüchsiger Wald, in Nuancen anders als in den Gebieten zuvor. Nachdem wir den Kurztrip beendet und eine ganze Strecke weitergefahren waren, bog Viktor unvermittelt nach links ab, um uns mit seinem Furgon einen etwa 40° steilen, mit jungen Weiden und Birken bewachsenen Pfad, zu unserem in einem beschaulichen Birkenhain im näheren Umfeld des Zolotoy Kamen gelegenen Lagerplatz zu bringen.
Auf den letzten Metern grub sich das geländegängige Vehikel noch gut in den morastigen Untergrund ein, konnte mit etwas Manpower jedoch ohne Probleme wieder freigemacht werden. Diesmal spielte beim Aufbauen der Zelte sogar das Wetter mit und es gab keinen Wolkenbruch. Allein die Stechmücken fuhren mal wieder zu ihrer Höchstform auf. Es war auch schon wieder einige Zeit ins Land gegangen und nachdem wir unser Camp errichtet hatten, brachen wir bergan zu einem eher kurzen, aber sportlichen Erkundungsgang auf. Unweit des 'Lagers stießen wir auf eine verlassene Erz-oder Kristallmine, die seinerzeit schon ein gewisser Herr Pallas besucht hatte, zumindest fand sich an dem Ort eine Gedenktafel, welche dies suggerierte.
Ein paar Kilometer weiter oben gelangten wir an einzelne Felsformationen, die sich, ähnlich denen im Elbsandsteingebirge, ein gutes Stück über die Baumkronen erhoben, recht einfach zu erklettern waren und einen gigantischen Rundumblick ins Terrain und bis hin zum Horizont ermöglichten. Selbst beim Blick durchs Spektiv nichts als Taiga, kleine, sich dahin schlängelnde Flussläufe, Moore und einzelne Seen - unglaublich schön und ergreifend!
Etwas weiter nordwestlich befand sich laut Karte noch eine imposantere Felsengruppe, die wir am nächsten Tag auskundschaften wollten. Mit den eben gewonnenen Eindrücken kehrten wir aber ersteinmal wieder ins Lager zurück, aßen die letzten Reste, tranken чай с лимоном und freuten uns des Lebens. Mit Einsetzen der Dämmerung und zu unser aller Wohlgefallen, begann unweit unseres Lagerfeuerchens unvermittelt ein Habichtskauz mit seiner Balz. Das Weibchen ließ sich nicht lange bitten und kam unter ihren typischen scharfen, eher rauh bellenden Rufen herbei geflogen. Außerdem sangen Erd- und Misteldrossel und sogar eine Amsel war in der Ferne zu vernehmen. Am kommenden Morgen wanderten SK, BB und ich unter dem Gezwitscher und den Augen von Hopfkuckuck, Waldpieper, Gebirgsstelze, Seidenschwanz, Rotkehlchen, Blauschwanz, Gartenrotschwanz, Taigazilpzalp, Wanderlaubsänger, Grünlaubsänger, Wintergoldhähnchen, Grau- und Trauerschnäpper, Kohlmeise, Tannenmeise, Schwanzmeise (A.c.caudatus), Waldbaumläufer, Buchfink, Bergfink, Erlenzeisig, Trompetergimpel, Fichtenkreuzer und Karmingimpel, zum am Vortag festgesetzten Ziel - ein ganzes Stück Weg über Stock und Stein. Am Fuße des Zolotoy Kamen hatte vor einiger Zeit scheinbar ein Waldbrand das Unterholz etwas dezimiert, hier fanden wir einzelne Orchideenarten, darunter auch den schönen Frauenschuh. Die Kleinvögel, die sich in diesem Bereich herumtrieben, ließen sich bei vergleichsweise freierer Sicht auch etwas einfacher beobachten.
Hopfkuckuck (Cuculus saturatus) © Ralph Martin
Wie nicht anders zu erwarten erklang aus dem höchsten Fels das Kickern von Wanderfalken - ein wie für diese Art gemachtes Bruthabitat. Wir stiegen in den ersten Gipfel hinein, fanden ein herrliches Plätzchen, erholten uns etwas vom beschwerlichen Herweg und genossen abermals die Ruhe und die unbegreifliche Weite. Am Nachmittag sollte Viktor kommen und so machten wir uns nach einer ganzen Weile endentspannt auf den Rückweg. Hinzu hatten wir uns sporadisch noch an einem zu erahnenden Trampelpfad orientieren können, den wir nun leider nicht mehr finden konnten. Also ging es im Crosslauf Kilometer um Kilometer über Äste, umgestürzte Bäume und durch Dickicht hügelabwärts - extrem schweißtreibend und auch die Knie und Waden ordentlich strapazierend.
Der UAZ kam, das Lager war abgebaut und nun fuhren wir voller Vorfreude das erste mal seit Tagen wieder in die "Zivilisation" in ein kleines Dorf mit Magasin. Wir besorgten Proviant für die verbleibende Zeit und gönnten uns ein paar ordentliche Schluck kühlen Bieres aus 2,5 Liter Flaschen - übrigens die gleiche Marke (Большая кружка), die SK und mir schon am Amur so manches Dürstchen löschte. Der eine oder andere zog es allerdings vor, ein, zwei Eis zu schlecken. Zu guter Letzt füllten wir noch unsere Wasserkanister an den im Dorf für jedermann frei verfügbaren Pumpen und weiter ging es in ein beschauliches Hochmoor namens Dvoykoye.
Viktor hatte selbstgemachten Trockenfisch - Wobla - dabei, den er brüderlich mit uns teilte, er durfte natürlich von unserem Bier mittrinken und so hatten wir einen gemütlichen, lustigen, deutsch - russischen Abend am Lagerfeuer, mit Ruhe im Herzen und so mancher Anekdote: Viktor war hier vor einiger Zeit wohl auf eine sich vor ihm aufbauende Bärenmutter mit zwei Jungen getroffen, welche er unter Brüllen und mit seinem gezückten Finnenmesser in der Rechten in die Flucht geschlagen hatte. Diese und andere Geschichten im Hinterkopf zogen wir uns weit nach Mitternacht in die Zelte zurück, um am nächsten Morgen mit einem Pott Kaffee auf der Hand das Moor zu erkunden.
Wunderschön bei klarer Luft und blauem Himmel, mit Singschwan, Reiherente, Birkhuhn, Schwarzmilan, Barabamöwe, Sturmmöwe, Großem Brachvogel, Grünschenkel, Bekassine, Waldschnepfe, Buntspecht, Kuckuck, Hopfkuckuck, Waldpieper, Rotkehlpieper, Thunberg- und Sykesschafstelze, Bachstelze, Zitronrnstelze, Rotkehlchen, Blauschwanz, Singdrossel, Wacholderdrossel, Erddrossel, Pallasschwarzkehlchen, Braunkehlchen, Gartengrasmücke, Klappergrasmücke, Fitis, Taigazilpzalp, Wanderlaubsänger, Grünlaubsänger, Wintergoldhähnchen, Nebelkrähe, Eichelhäher, Tannenhäher, Neuntöter, Buchfink, Bergfink, Fichtenkreuzer, Erlenzeisig und Goldammer. Der malerische runde Moorsee lud zum Baden ein, allein der Schwingrasen ringsum hielt uns zurück, da man ohne Hilfsmittel sicher nur schwerlich wieder aus dem tiefen Gewässer heraus gekommen wäre. Ohnehin hatte Viktor uns für die nächste Campsite einen Badesee versprochen. Gegen Mittag brachen wir auf und fuhren eine kleine Weile zum Ozero Nizhneye.
Wir hatten Bock zum Baden und es war auch bitter nötig. Viktor besuchte unterdessen einen Bekannten, der am anderen Ufer des Sees seine bescheidene Hütte und einen windschiefen Brettersteg errichtet hatte und besorgte uns sogar einen Kahn, mit dem wir am frühen Abend die gegenüberliegende Seite des Gewässers erreichten um insbesondere nach dem uns noch fehlenden Strichelschwirl Ausschau zu halten. So ruderten wir einen beschaulichen, schmalen, sich durch Binsen und Seggen meandernden Zufluss entlang und spitzten die Ohren. Vorerst waren nur Schilfrohrsänger und einige Rohrammern zu hören, später meldeten sich noch zwei Tüpfelsumpfhühner und ein Wachtelkönig. Nach der x-ten Flussbiegung drang plötzlich ein zartes Schwirren zu uns herüber. Wir taten noch ein paar Ruderschläge in die Richtung und tatsächlich, da sang unser Strichelschwirl aus voller Kehle - die Freude war groß. Es begann allerdings schon zu dämmern und so fuhren wir nach dieser initialen Kostprobe ersteinmal zurück.
Direkt am See und in dessen näherer Umgebung konnten wir folgende Vogelarten feststellen: Sockente, Löffelente, Pfeifente, Krickente, Knäkente, Schwarzmilan, Falkenbussard, Baumfalke, Flussuferläufer, Austernfischer, Großer Brachvogel, Bekassine, Lachmöwe, Sturmmöwe, Barabamöwe, Ringeltaube, Kuckuck, Hopfkuckuck, Mauersegler, Waldpieper, Bachstelze, Zitronenstelze, Blauschwanz, Pallasschwarzkehlchen, Rotdrossel, Erddrossel, Gartengrasmücke, Dorngrasmücke, Buschrohrsänger, Fitis, Taigazilpzalp, Karmingimpel und eine Nebelkrähenfamilie. Die Nacht am Seeufer war kalt und feucht und mir schmerzten die Glieder, nichtsdestotrotz ruderten wir nach dem Erwachen abermals hinüber zu dem Flüsschen, um dem Schwirl nocheinmal ausgiebig zu lauschen und Ton-, sowie Fotoaufnahmen anzufertigen.
Strichelschwirl (Locustella lanceolata) © Ralph Martin
Strichelschwirl (Locustella lanceolata) © Ralph Martin
Strichelschwirl (Locustella lanceolata) © Ralph Martin
Strichelschwirl (Locustella lanceolata) © Ralph Martin

Strichelschwirl (Locustella lanceolata) © Ralph Martin
 

Das ganze bei Götterdämmerung vor herrlicher Kulisse - leider die letzten Stunden in der uralesischen Wildnis, denn gegen Mittag brachen wir - tatsächlich schweren Herzens - Richtung Serov auf, wo in der Nacht unser Zug zurück nach Jekaterinburg abfahren sollte...


...und jetzt ALLE!

За туманом

Понимаешь, это странно, очень странно,
Но такой уж я законченный чудак:
Я гоняюсь за туманом, за туманом,
И с собою мне не справиться никак.
Verstehst du, es ist seltsam, äußerst seltsam,
Doch ich bin solch ein ausgemachter Kauz:
Ich jage dem Nebel nach, dem Nebel
Und ich kann mir nicht helfen.

Люди сосланы делами, люди едут за деньгами,
Убегают от обиды, от тоски...
А я еду, а я еду за мечтами,
За туманом и за запахом тайги.
Die Menschen werden verbannt durch ihre Geschäfte, die Menschen folgen dem Geld,
Laufen weg vor Kränkung und vor Schwermut...
Ich aber, ich folge meinen Träumen,
Dem Nebel und dem Duft der Taiga.

Понимаешь, это просто, очень просто
Для того, кто хоть однажды уходил.
Ты представь, что это остро, очень остро:
Горы, солнце, пихты, песни и дожди.
Verstehst du, es ist seltsam, äußerst seltsam,
Für den, der wenigstens einmal wegging.
Stell´ dir vor, es ist aufregend, sehr aufregend:
Berge, Sonne, Fichtem, Lieder und Regen.

И пусть полным-полно набиты мне в дорогу чемоданы:
Память, грусть, невозвращённые долги...
А я еду, а я еду за туманом,
За мечтами и за запахом тайги.
А я еду, а я еду за туманом,
За мечтами и за запахом тайги.
Und auch wenn vollgestopft sind die Koffer für meine Reise:
Erinnerungen, Traurigkeit, nicht beglichene Rechnungen...
Ich aber, ich folge meinen Träumen,
Dem Nebel und dem Duft der Taiga.
Ich aber, ich folge meinen Träumen,
Dem Nebel und dem Duft der Taiga.

Der Sternabert...