Sternabert

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Montag, 22. August 2016

Ural-Trip, Juni 2016 (zweiter Teil)...

Auf zur zweiten Runde! Wie im vorherigen Post angekündigt, kam Viktor punkt 10:00 Uhr vorgefahren. Wir waren etwas in Verzug, hatten aber eine halbe Stunde später den Furgon beladen und fuhren wieder gen Ost, über die europäisch-asiatische Grenzlinie zum Ural-Ridge. Die Strecke war uns ja zum großen Teil bereits bekannt. Auf der Fahrt Gab es aus dem fahrenden Bus heraus einen sehr nahen "Border"-Hopfkuckuck, Gebirgsstelzen, Sing- und Wacholderdrosseln auf der Piste und die fast allgegenwärtigen Wanderlaubsänger, Grünlaubsänger und Tristis-Zilpzalps. Ein Blick durchs Innere des Autos verriet uns recht rasch, dass Vikor unsere zweite Proviantladung nicht an Bord hatte - mmmhh - wohl ein Verständigungsproblem oder schlichtweg vergessen. Das Ganze sollte sich am Folgetag aber klären und wir bekamen unsere Lieferung von einem Fahrer, der mit einer belgischen Gruppe, Köchin und Yulia, einer der Mitarbeiterinnen von Oleg, auf der Fahrt zum Kwarkusch für zwei Nächte in unserer Nähe campierte. That is Russia! Wie bei der Ankunft am ersten Spot, ging bei unserem Eintreffen am Ural-Ridge ein sagenhafter Wolkenbruch hernieder - Zeltplatz suchen - Tarp abspannen - Zelte aufstellen - Feuerchen...
© Steve Klasan
Als der Regen nachließ umschwirrten uns gefühlt noch mehr Mücken als am Kwarkusch. Dennoch malerische, unwegsame, uralesische Taiga mit Totholz, gigantischen, knorrigen Kiefern, Hängeflechten und Frischwasser nur einen Steinwurf entfernt. Ein schnelles Teechen und auf zum Ridge, um den hungrigen Blutsaugerschwadronen zu entfliehen und die Lage zu sondieren.
Die avifaunistische Artenzusammenstellung vor Ort glich weitestgehend der am ersten Lagerplatz. Es gab allerdings mehr überfliegende - besser nach West ziehende - und rufende Fichtenkreuzschnäbel, was besonders RM sehr freute und sicher für einige Stunden digitalen Tonmaterials gesorgt haben dürfte. Auf dem Spaziergang nach oben kreuzte unweit eine Erddrossel meinen Weg. Mit ihrem Gesang ließen diese "Melancholiker" in der ersten Nacht allerdings etwas auf sich warten - dann aber fulminant aus nächster Nähe. Nachdem sich der Wald gelichtet hatte, auf den nassen, schmierglatten, zum Teil wackeligen Steinen des Ridge musste man schön aufpassen! Ganz oben angekommen entspannte uns aber ein grandioser Blick über das umliegende Terrain.
© Steve Klasan
© Steve Klasan
Etwas rechterhand von unserer Lagerstatt lag die Talsenke, die es am nächsten Tag zu durchwandern galt - auf der Suche nach der Schwarzkehlbraunelle. Zwei Zigaretten im Abendrot und zurück zum Camp. Im Dunkeln überflog noch ein unbekannter Vogel die Zelte, desssen Flugrufe und Flügelgeräusche wir nicht sicher einer bestimmten Art zuordnen konnten. Dann begann es wieder zu regnen und wir verschoben unseren sehr früh veranschlagten morgendlichen Aufbruch um ein paar Stunden - endlich mal ausschlafen!
Nach einem kleinen Snack und einem Kaffee machten sich LP, SK und meine Wenigkeit im Laufe des Vormittags auf und wir gerieten am Fuße des Ridge entlang, über ansteigende Geröllfelder, in einen galerieähnlichen Wald mit feuchtem Untergrund, welcher zumeist aus Birken und Fichten bestand. Die Birken hier trugen eine Patina und Flechten auf der Rinde, dass man hätte denken können, man sei auf Omas verwilderter Streuobstwiese gelandet.
So liefen wir, spähten und lauschten, hörten aber vornehmlich nur Wanderlaubsänger, Fitisse, Grünlaubsänger, Zilpzalps, Blauschwänze, Waldpieper, Rotdrosseln, Erlenzeisige, Bergfinken und Heckenbraunellen, von denen sich jedoch leider keine einzige als Schwarzkehle entpuppte. Uns gelang ein kurzer Blick mit dem Spektiv auf eine auf einer Fichtenspitze singende Erddrossel. Auffällig waren viele Tannenhäher, die das Tal scheinbar als Korridor zwischen Taiga und Galeriewald, beziehungsweise zwischen Taiga und eingestreuten almähnlichen Bereichen jenseits des Ridge nutzten. Im offeneren Gelände mit Birken und Weidengestrüpp gab es auch hier eine hohe Abundanz von Gelbbrauenlaubsängern. In einem Durchströmungsmoor an der kleinen Ljampa machten wir zwei Bekassinen hoch und beobachteten zwei Seidenschwänze, die sich nicht weit entfernt für kurze Zeit in einer kleinen Birke niederließen.
Kleine Ljampa
Nickerplätzchen © Steve Klasan
© Steve Klasan
Bei recht angenehmen Temperaturen war nach einer kleinen Stärkung ein erquickliches Nickerchen unter Birken auf einer Wiese indiziert. Hernach erreichten und querten wir ein fast ebenes Geröllfeld, von dessen Rand aus man via Spektiv in der Ferne sowohl das Kwarkusch-Plateau als auch selbst die Drei Brüder sehen konnte, auf denen wir noch vor ein paar Tagen die Weite der Bergtundra genossen hatten.
Mit Nässebrand an den Füßen erreichten wir in der Dämmerung nach langem Marsch wieder unser Lager und bereiteten uns ein ausgiebiges, gutes Mahl aus unserem frisch angekommenen, im Grünen hinterlegten Mundvorrat. Am folgenden und letzten Tag am Ural-Ridge gingen wir jeweils einzeln auf Tour - auch mal ganz schön in der Ruhe und urigen Umgebung seinen Gedanken nachzuhängen.
Koch und © Steve Klasan
© Steve Klasan
© Steve Klasan
Es kamen noch Arten wie Hakengimpel und Habicht auf unsere Liste - allein die Schwarzkehlbraunelle konnte keiner von uns ausfindig machen. Dennoch ist es ein grandioses Gefühl, ganz allein durch die wilde Einöde zu wandern und ohne GPS auch ein wenig abenteuerlich, da man sich wirklich sehr leicht verirren kann. Am Abend fanden wir uns vollzählig und gut gelaunt am Lagerfeuer zusammen, saßen dort ein ganzes Weilchen aßen und palaverten und fanden nach und nach den Weg in die Zelte.
© Steve Klasan
Die folgenden Tage sollten wir mobil sein - sprich Viktor stand uns nun die ganze Zeit zur Verfügung, sodass wir jeden Abend woanders unser Camp aufschlagen konnten.
 Dazu mehr im nächsten Post...

Samstag, 2. Juli 2016

Ural-Trip, Juni 2016...

добрый день! mal wieder auf meinem Blog. 
Eine landschaftlich, stimmungsmäßig und natürlich auch avifaunistisch atemberaubende Reise, an die östlichste Grenze Europas und darüber hinaus, soll dem interessierten Leser in diesem Post etwas näher beschrieben werden. Schon im letzten Jahr im Februar als Idee geboren, unternahmen SK, RM, LP, BB und ich nach einiger Recherche, Planung und Abstimmung im Frühsommer 2016 einen in all  seinen Facetten nahezu ünsäglichen Trip in den mittleren/nördlichen Ural.  
RM und LP waren, gewissermaßen als Splittergruppe, schon am 24. Mai gen Osten geflogen. SK, BB und ich landeten am 03. Juni in Jekaterinburg, wo wir zusammen mit den anderen zwei versierten Jungs, für die kommenden vier Tage, direkt in der Umgegend und die folgenden zwölf Tage, acht Stunden Zugfahrt weiter  Richtung Norden, im Gebiet westlich von Severouralsk, die Naturschönheit genießen und die Vogelwelt näher ins Visier nehmen wollten.  
Jekat., Kolzovo 03. Juni ´16 4:35 Uhr OZ  © Steve Klasan
Die Vorhut hatte im Flachland bereits ausgezeichnete Arbeit geleistet und konnte uns drei Nachgereisten, bei unserem Zusammentreffen, schon von sehr schönen und interessanten Beobachtungen berichten, einige super Aufnahmen auf dem Kameradisplay zeigen und natürlich auch schicke Arten live, direkt vor Ort, präsentieren. 
konzentrierter Konsens
Der erste Tag in Russland brachte den Neuankömmlingen am frühen Morgen des 03. Juni allerdings ersteinmal einen recht stattlichen Elchbullen an und auf der Straße nach nur genau 13 km Fahrt im Mietauto.
Kurze Zeit später, über brachliegender Scholle, zwei balzfliegende Sumpfohreulen. Die allerersten Vogelarten in Russia, direkt am Kolzowo waren Bachstelze, Haussperling, Grünfink, Dohle, Nebelkrähe und einige in der Ferne vorüberfliegende mutmaßliche Baraba-Möwen. Nach Erreichen des vereinbarten Treffpunktes, in einem rieselfeldähnlichen Gebiet nahe Jekat., mit angrenzenden frisch umgebrochenen Ackerflächen, waren dann einige adulte und immature Baraba-Möwen (L. c . barabensis), einzelne östliche Steppenmöwen (L. c. cachinnans), russische Sturmmöwen (L.c. heinei), Schwarzmilane, eine erstaunlich hohe Abundanz von singenden Pallas-Schwarzkehlchen, nur vergleichsweise wenige Braunkehlchen, Zitronenstelzen, Sykesschafstelzen und erfreulicher - besser - beachtlicher Weise auch mindestens 6! singende Männchen der Weidenammer, davon ein als vorjährig zu bestimmendes Tier, vortrefflich zu beobachten. Hier und da, eher heimlich, sangen und flogen Meisengimpel im gebüschreichen, mit kleinen Tümpeln durchsetzten Gelände - wir schätzten an diesem Spot ungefähr 6 Reviere. Karmingimpel waren erwartungsgemäß häufiger zu hören und zum Teil auch aus kurzer Distanz zu sehen. Auf den kleinen Wasserflächen schwammen verhohlen und sehr umsichtig Knäk-, Krick-, Löffel- und Stockenten zum Teil gefolgt oder umringt von ihren Pulli. Ganz kurz ließ ein Tüpfelsumpfhuhn seine peitschende Rufreihe erklingen. Mindestens 3 Klappergrasmücken ratterten im Gebüsch, von weit her ein Sprosser und zwischen einigen singenden rotsternigen Blaukehlchen machten wir auch 2 revierinhabende weißsternige aus. Wir freuten uns über zwei kurze Lasurmeisen-Auftritte, den hohlen Ruf und die "Stotterstrophe" des Hopfkuckucks, singende Taiga-Zilpzalps, Buschrohrsänger, Buschspötter und Feldrohrsänger

Auch einige Baumpieper, Schilfrohrsänger, Stieglitze, Rotkehlchen, Kuckucke, Rohrammern, Feldschwirle, ein Schlagschwirl und ein Gelbspötter brachten ihr Repertoire und gaben der Szenerie hiermit, neben dem landschaftlichen Eindruck, durchaus einen vertrauten, heimatlichen Charakter. Rotdrosseln und Wacholderdrosseln sangen, bzw. tschackerten an einigen Stellen. An Limikolen gab es überfliegende Uferschnepfen, Rotschenkel, Bekassinen und Kiebitze. Zu gegebener Zeit meldeten sich mehrere Wachtelkönige und kurz darauf, bei einsetzender Dämmerung, wurden die Doppelschnepfen aktiv.

Doppelschnepfe (Gallinago media) © Ralph Martin
Ihre Rufe trugen nicht besonders weit, dennoch konnten wir sie im letzen Licht bei ihrer eindrücklichen Arenabalz mit den typischen Luftsprüngen, wobei sie ihre weißen Schwanzaußenkanten präsentieren, ausmachen und recht gut beobachten - ein Highlight! Zwischenzeitlich immer mal wieder die Seele baumeln lassen, die erste vollmundige Kapustasuppe
aus´m Kessel über´m Lagerfeuer, verfeinert mit Brennesseln und mehrfach чай с лимоном.
vegane Schtschi mit Brennnesseln und Rote Bete  © Steve Klasan
Doppelschnepfe im Dämmerlicht  © Steve Klasan
Vom Lagerplatz aus, während unserer передышки, wurden wir noch einer Sumpfohreule, eines Kornweihenmännchens, einiger Rohrweihen, Turmfalken, überfliegender Ringeltauben, Dohlen, Nebelkrähen, Rauchschwalben, Uferschwalben, Stare, eines Kleinspechts, eines Kernbeißers, eines Bluthänflings und eines Sperbers gewahr. Zu später Stund´ im Dunkeln meldete sich in nächster Nähe unserer Zelte noch ein Zwergsumpfhuhn, im Hintergrund dezent ein Buschrohrsänger - der richtige Sound um die Augen zu schließen und für die erste Nacht im Zelt wegzudämmern. Man sollte, das sei nebenher erwähnt, mental sowohl auf ordentliche Temperaturschwankungen, mit heißer, schwüler Tagzeit und kalter, feuchter Nacht, als auch auf Horden von gierigen Mücken eingestellt sein.
Pallasschwarzkehlchen (Saxicola torquata maura)
Zitronenstelze (Motacilla citreola)
Sibirische Wiesenschafstelze (Motacilla flava beema)
Weidenammer (Emberiza aureola)
Feldschwirl (Locustella naevia)
© BB
Nach einem Kaffee und allerhand snackiger Leckereien, sowohl süß, als auch sauer, ging´s weiter durch pittoreske, unverkennbar russische Örtchen in Richtung des nächsten Nachtlagers auf einer Kräuterwiese an einem Fluss mit angrenzendem Wald und Erlensaum.
Auf der Fahrt dorthin hielten wir an ein paar interessanten Spots zum Birden und kümmerten uns um das Aufstocken der Verpflegung. Gleich nach den ersten Kilometern hörten wir durch das offene Autofenster die schöne Strophe eines Ortolans, der auf einer Hochleitung an der Straße saß und tatsächlich den Dialekt brachte, den die Vögel am Gülper See zu singen pflegen. In der Nähe von Polovinnyy in gemischtem Wald: Baumpieper, Trauerschnäpper, Gartenrotschwänze, Rotdrosseln, Wacholderdrosseln, Tannenmeisen, Weidenmeisen, Buschrohrsänger, Schlagchwirl, Erlenzeisige, Buchfinken, Trompetergimpel und der erste singende Grünlaubsänger. An der Straße irgendwo unsere ersten beiden abfliegenden Orientturteltauben (Streptopelia orientalis meena). Wir erreichten einen großen See am Rande von Plotina und erschlossen einen kleinen Teil seines Ufers per pedis. Auch hier bemerkten wir einen Grünlaubsänger und einen Meisengimpel. Eine Misteldrossel flog schnarrend durch den zum Teil recht feuchten Forst, hier neben Rot- und Wacholderdrossel scheinbar eher eine Seltenheit, im Hintergrund Waldbaumläufer, Bergfink, Trompetergimpel, Karmingimpel und Schwanzmeisen. Über der Seefläche flogen um die 20 Flussseeschwalben. In einigen Buchten des Gewässers befanden sich kleinere Schwimmpflanzenteppiche, jedoch gaukelte nur eine einsame Trauerseeschwalbe an einer ins Wasser ragenden Schilfzunge entlang. Den abgerundeten optischen Landschaftsgenuss besorgte ein angrenzendes Hochmoor mit malerischen Wollgrasfeldern.
Am Fluss Ayat, dem Tagesziel und Lagerplatz, angekommen, begrüßten uns, wie hier fast allerorts, ein paar Karmingimpel in farbenfrohem Kleid mit ihrem so freundlichen, weichen "Nice to meet you". Zwei singende Goldammern zeigten, auch bei näherer Betrachtung, keinerlei Hybridmerkmale mit ihren östlichen Verwandten. Kornweihe, Kiebitz, Uferschnepfe, Bekassine, Rotschenkel, Wachtelkönig, Kleinspecht, Hopfkuckuck, Kuckuck, Baumpieper, Pallas-Schwarzkehlchen, Braunkehlchen, Wacholderdrossel, Rotdrossel, Gelbspötter, Buschspötter, Buschrohrsänger, Elster, Kernbeißer, Erlenzeisig, Trompetergimpel... Unsere Trip-Liste wurde um Wiesenweihe, Falkenbussard, Graureiher, Flussuferläufer, Austernfischer, Buntspecht, Grauspecht, Wendehals und Dorngrasmücke erweitert und wir ließen den Abend am Lagerfeuerchen bei gutem, warmem Essen und kühlen, anregenden Getränken in lustiger Runde ausklingen.
Nachdem wir das Lager abermals abgebrochen und unseren Kaffee ausgenippt hatten, begaben wir uns auf die Fahrt zum vorerst letzten Schlafplatz im Flachland unweit von Jekaterinburg. Auf dem Weg dorthin erkundeten wir verschiedene Habitate, besuchten einen Friedhof mit Grünlaubsänger, Taigazilpzalp, Rotdrossel, überfliegenden Fichtenkreuzern und einer Kleiberfamilie (Sitta europaea asiatica), fuhren Stichwege kreuz und quer durch die Pampa mit einer ungewöhnlich rufenden Kohlmeise und der ersten Baumfalkensichtung, trafen wilde Golddigger, die uns nach anfänglicher Skepsis in russischer Manier zum Essen und Trinken einluden und nahmen ein herrliches Vollbad in einem türkis schimmernden Waldsee bei Uferschnepfen- und Grünschenkelsound. In der Nähe des Sees ein indirekter Auerhuhnnachweis durch Federfund...
wir und die Golddiggers © Steve Klasan

Bade-Idyll
rufender Grünschenkel © Steve Klasan
© BB
Abends am Camp konnten wir eine kontrastreich gefärbte Go-Fi-Ammer auf wenige Meter im Detail studieren (reine Fichtenammern habe zumindest ich nicht gesehen), einige Orientturteltauben saßen im Feldgehölz, ein Falkenbussard kröpfte ein erbeutetes Ziesel und aus der Ferne erklang die schleifende Strophe eines Rebhahns. Es gab Suppe aus Resten, Brot und eingelegte Tomaten und im Zelt schlafend, rückte das Traumziel Nord-Ural ein gewaltiges Stück näher. Am folgenden Tag, dem 06. Juni, lieferten wir unsere Mietkarren tatsächlich unversehrt und gewaschen wieder beim Car-Rental ab und wurden mit Sack und Pack pünktlich von einem Fahrer, den Oleg - sozusagen unser Reiseagent - organisiert hatte, abgeholt. Er brachte uns in dessen Büro, wo wir noch letzte Unstimmigkeiten, Finanzen und einige organisatorische Dinge zu besprechen hatten. Wir wurden herzlich von Oleg und seinen zwei jungen Mitarbeiterinnen empfangen. Es wurde Tee und Kaffee gereicht - spontanes Geplauder auf Russisch und Englisch - aber gerade die Debatte um die finanziellen Belange weitete das Treffen derart aus, dass wir im wahrsten Sinne in allerletzter Minute unseren Zug nach Serow erreichten, schweißnass und nach Atem ringend, unter hysterischem Gemecker und Gestikulieren einiger Zugbegleiterinnen, mit all unserem Gerödel aufsprangen und los ging die Reise. That is Russia! Im Zug gab´s dann zum Runterkommen und um die erwartungsvolle, gute Laune zum kochen zu bringen, russische Leckereien, гречневая каша, отбивная котлета, сыр, соленая рыба, пиво и водка. Schöner Zug, zwei gebuchte Abteile mit gut Platz für Mann und Gepäck und eine äußerst nette und sehr bemühte проводница.
Abfahrt in Jekat.
im Raucherabteil © Steve Klasan

Nach Mitternacht in Serow angekommen, wurden wir, wiederum pünktlich, für ein kurzes Nickerchen und zur Registrierung, welche in Russland in den ersten 7 Tagen des Aufenthalts erfolgen muss, vom Bahnhof in ein Hotel abgeholt und gegen 6:00 Uhr, am Morgen des 07. Juni, weiter nach Severouralsk gebracht, wo unser UAZ-Fahrer Viktor, ein ruhiger, zuverlässiger und mit angenehmem, trockenem Humor ausgestatteter Russe, zeitnah zu uns stieß, um uns mit seinem Furgon sogleich zum Magasin zu fahren, wo wir Proviant für die folgenden Tage in der Wildnis fassten.
UAZ 452 © BB
Kirche von Severouralsk im Vorbeifahren
© BB

Jetzt ging es über Stunden auf einer Schotter-, Sand-, Schlammpiste sowohl über halsbrecherische Brücken und flache Schmelzbäche, als auch über die Grenze von Asien nach Europa zurück, durch wilde russische Taiga.
Hauptstraße ins Glück
Uralski bridge © BB
 Unvorteilhafter Weise begann es auf der Fahrt zu regnen und als wir nach knapp 100 km am Fuße des Mt. Kvarkush, unserem ersten geplanten Lagerplatz im Ural, ankamen, strippte es gewaltig. Viktor hatte ein resigniertes Lächeln im Gesicht, als er seinen UAZ wendete, abfuhr und uns unserem klammen Schicksal überließ. Die ersten Schritte in den nassen Wald - berauschend. Dann einen adäquaten Zeltplatz suchen und finden - nicht so einfach in zumeist ansteigendem, unebenen Gelände - möglichst schnell das Tarpaulin abspannen, unsere Siebensachen hochschleppen und die Zelte aufbauen - ein heimeliges Feuer - ein Teechen...
© Steve Klasan

© Steve Klasan

© BB
Nachdem der Regen etwas nachgelassen hatte, folgte der erste Anstieg, entlang eines Baches, direkt auf´s Plateau mit einer durchschnittlichen Höhe von etwas über 800 m ü. NN. Hierzu hatten wir von unserem Basislager aus etwa 400 Höhenmeter zu nehmen. Oben angekommen 20 m Sicht bei Nebel und abtauender Schneedecke...

Schmelzbach, Kvarkush Plateau
Nebel und Schnee am Kvarkush Plateau
Nebel und Schnee am Kvarkush Plateau © Steve Klasan
Trompetergimpel-Schnaps - eingeschenkt von LP, dem Hirn der Truppe, mit Samthandschuhen © Steve Klasan
Am Abend und in der Nacht sangen im Camp die ersten Erddrosseln, wunderschön endentspannend, diese einzigartige Strophe aus melancholischen Pfeiftönen, die uns in der Taiga nun allabendlich in den Schlaf begleiten sollte, desweiteren einige Waldschnepfen, welche fortan bei beginnender Dämmerung "puitzend" und "quorrend" über unserem Lagerfeuer kreuzten. Nachdem wir gespeist und unseren Proviant, in Säcke verpackt, vermeintlich bärensicher, in einen Baum hochgezogen hatten, fanden wir nach und nach den Weg in die Zelte - ein herrlicher mückenfreier Rückzugsort. Am nächsten Morgen, die "Weißen Nächte" sind mit knapp 3 Stunden Finsternis recht kurz, präsentierte sich das Kwarkusch-Plateau bei anständigen Wetterbedingungen in seiner ganzen weiten Pracht. Ein gutes Stück Tundra in der umgebend sich schier endlos erstreckenden Taiga. Dazu ein grandioses Wolkenspiel.
In Zwergbirken- und Zwergweidengesträuch sangen mindestens 5 Rubinkehlchen. Mit etwas Geduld - Zeit hatten wir - kann man die Vorstellung dieser wirklich hübschen Vögel aus nächster Nähe genießen, wenn man sich ins Weidendickicht setzt und wartet, bis sie ihre angestammte Singwarte aus der Deckung heraus erklimmen und mit rubin-, goldschimmerndem Kehlgefieder ihre Strophen schmettern. Ebendort einige jubilierende Blaukehlchen, wiederum sowohl rotsternige, als auch mindestens zwei weißsternige Vögel.

Die Gesänge von Zwerg- und Rohrammern erklangen aus allen Richtungen und auch Gebirgsstelzen waren nicht selten. Beim Aufstieg und beim Wandern durch den Wald registrierten wir mehrere singende Blauschwänze, Weidenmeisen, einzelne Kohlmeisen, nur eine Tannenmeise, Wintergoldhähnchen, zwei Klappergrasmücken, Taiga-Zilpzalps, Grünlaubsänger, Wanderlaubsänger, einen Buschrohrsänger und ca. 3 Buschspötter, Kleiber, Rotkehlchen, Gartenrotschwänze, Rotdrosseln, Singdrosseln, Wacholderdrosseln und Schwarzkehldrosseln, Tannenhäher, zwei Baumpieper und ansonsten nur Waldpieper, wenige Kernbeißer und Buchfinken, Bergfinken, Erlenzeisige, Trompetergimpel und Trupps von nach West überfliegenden Fichtenkreuzschnäbeln. Direkt auf dem Plateau neben einzelnen Waldpiepern vornehmlich Wiesenpieper balzend über moorigem Grund und einige singende Fitisse. Am Fuße eines Geröllkamms etwas nördlich, von dessen höchster Stelle man einen nahezu allumfassenden Blick über das südliche Kwarkusch-Plateau erlangen konnte, zwischen locker stehenden Birken, mit direkt angrenzendem Weidengestrüpp, mindestens 15 singende und wild durcheinander rufende Gelbbrauen-Laubsänger - scheinbar alles Reviervögel.
© BB
© BB
Blick über´s südöstliche Kwarkusch-Plateau
Blick über´s südöstliche Kwarkusch-Plateau © Steve Klasan
Nickerchen in weitgehend mückenfreier Umgebung © Steve Klasan
 
Abstieg in die Taiga

Weibchen Schwarzkehldrossel (Turdus atrogularis)
Männchen Schwarzkehldrossel (Turdus atrogularis) © Steve Klasan
Rubinkehlchen (Luscinia calliope)
Gelbbrauen-Laubsänger (Phylloscopus inornatus)
© BB
© BB
Im südlichen Teil unseres Einzugsbereiches konnten wir diese Art nur eher vereinzelt nachweisen. Direkt am Kamm, zwischen den Steinen, kauerte ein Alpenschneehahn mit geringer Fluchtdistanz. Leider mit abgewetztem, recht schmuddelig aussehendem Wintergefieder, jedoch gut zu bestimmen anhand einzelner, frisch vermauserter, grauer Brustfedern und des schwarzen Zügelstreifs. Moorschneehühner konnten von den meisten von uns zumeist nur über die aus dem vergangenen Winter zurückgebliebenen Schneefelder hinweg fliegend beobachtet werden. Haselhühner sangen morgens am Camp ihr fistelndes Lied. Sichtnachweise dieser schönen Vögel gelangen uns leider nur von auffliegenden Individuen im dichten Unterholz. Ähnlich verhielt es sich mit den Auerhühnern, wobei eine Henne im Flug fast auf Tuchfühlung mit LP und SK ging. Bären, im Russischen медведь, verrieten ihre Präsenz nur durch einige fäkale Hinterlassenschaften, besuchten uns nicht im Lager und wir konnten, trotz einiger motivierter Versuche via Spektiv, leider auch keinen einzigen Petz in der weiten Ebene registrieren. So erkundeten wir über zwei volle Tage hinweg den südöstlichen Teil des Plateaus mit angrenzender Taiga und nahmen uns für die verbleibende Zeit eine längere Wanderung zu den Drei Kleinen Brüdern der Man-Pupu-Nyer-Formation, eines der sieben Wunder Russlands, vor, welche am westlichen Rand des Kwarkusch aus der ebenen Fläche ragen.
die Drei Brüder
© BB
Auf dem Fußmarsch dorthin einige Goldregenpfeifer, die ihre melodischen,  schwermütigen Rufe im Überflug über das sagenhafte Terrain erklingen ließen. Wenn ich nicht irre, hatten wir uns auf mindestens 5 bis 7 Brutpaare festgelegt. Wiesenpieper im Singflug, Blaukehlchen, ein Pallas-Schwarzkehlchen, ein abfliegendes Moorschneehuhn, eine Bekassine und Kolkraben. Direkt an den Felsen-Brüdern Vesper und ein singender Steinschmätzer. Obenauf eine steife Briese aber dennoch ein tiefes Gefühl von Ruhe und Freiheit. Besonders nachhaltig in der Gewissheit, diese Momente bei herzhaftem Schwarzen Krausen mit guten Freunden teilen zu können.
Auf dem Rückweg, gewissermaßen als krönende Überraschung, ein singendes Spornammer-Männchen auf einem Wacholderbusch, das wir später noch, zusammen mit seinem Weibchen, am Boden beobachten konnten. RM hatte am folgenden Morgen, auf den letzten Drücker im Eiltempo, an gleicher Stelle 2 Männchen und 1 Weibchen, ihm gelang sogar ein direkter Brutnachweis dieser, der Literatur zufolge eigentlich erst einige hundert Kilometer weiter nördlich brütenden Art, durch Nestfund nebst vier Eiern. Möglicherweise wurden die Ammern vom Kwarkusch bis dato nur übersehen oder aber mir fehlt der Zugang zu entsprechenden russischen Daten. Am Himmel hier und da eine Kornweihe, Schwarzmilan, Falkenbussard und Baumfalke. Wespenbussard, Merlin und Turmfalke konnten wir während des hiesigen Aufenthalts nur jeweils einmal feststellen. Wanderfalken- und Steinadler-Sichtungen hingegen blieben uns am Kwarkusch verwehrt.
© BB
© Steve Klasan
Tundrafeeling mit den Drei Brüdern am Horizont
Goldregenpfeifer (Pluvialis apricaria)
der Медведь ist los © Steve Klasan
auf einem der Drei Brüder
BB wiegt seinen Body im Wind
Wacholder-Tundra, Mt. Kvarkush
Männchen Spornammer (Calcarius lapponicus)
Männchen Spornammer (Calcarius lapponicus)
© Steve Klasan
© BB
Wir entschieden spontan, noch eine nördlich vom Basislager gelegene Geländesenkung zu durchwandern, um gegebenenfalls hier schon auf eine der legendären singenden Ural-Schwarzkehl-Braunellen zu stoßen. Ins Tal fuhren wir auf Gummistiefelsohlen ein recht steil abfallendes Schneefeld  hinab. Allein eine Handvoll singender Heckenbraunellen besiedelte das gegenüber am Hang gelegene, uns eigentlich auch für P. atrogularis wie hingezaubert wirkende Habitat. Aus dem lichten, hier und da mit Dickicht dursetzten, Birken- und Nadelwald heraustretend, folgten wir einem vagen Trampelpfad entlang des Zhigalan-Flüsschens, welches am Plateau entspringt, recht schnell anschwillt und sich nach ein paar Kilometern über den  Жиголанские водопады in den tiefer gelegenen Wald ergießt. Insgesamt recht abenteuerlich mit Flussquerungen, über brüchige Schneefelder und durch dichtes Weidengestrüpp, sowie an der Abbruchkante über gurgelnden Stromschnellen entlang, bei mannigfachen verschiedenen Landschaftseindrücken auf engstem Raum!
Wir erreichten unseren Lagerplatz, mit knapp 30 Kilometern in den Knochen, selig aber fußlahm. Nun hieß es Abschied nehmen vom Kwarkusch, mit noch aus Serow übrig gebliebenen 500 Millilitern Bier für uns 5 Gopniks - am nächsten Vormittag, also am 11. Juni, gegen 10:00 Uhr, sollte Viktor kommen und uns zum zweiten für die Reise geplanten Spot, dem Ural-Ridge, umsetzen...

...die Ausführungen zum zweiten Teil der Tour demnächst hier auf http://sternaberttrips.blogspot.de/

Vorerst - POKA! meine Lieben...